Vom Schreiben träumen

Buchstaben, die sich umsortieren, und Stifte ohne Farbe sind die Fassungen, die hängenbleiben. Das Schreiben selbst gilt als Wunsch, verstanden oder festgehalten zu werden.

Buchstaben, die sich zwischen zwei Blicken neu ordnen, ein Stift, der keine Spur hinterlässt, eine Seite, die man gerade selbst beschrieben hat und trotzdem nicht entziffern kann: Das sind die Fassungen, die hängenbleiben. Die Handlung selbst gilt als Ausdruck, genauer als Wunsch, etwas festgehalten, verstanden oder haltbar genug gemacht zu haben, dass es nicht vergessen wird.

Warum sich Schrift nachts so schlecht benimmt

Für die unlesbare Seite gibt es eine schlichte Erklärung, die ohne jede Symbolik auskommt. Lesen ist im Traum bei den meisten Menschen ausgesprochen unbeständig. Wörter behalten ihre Form nicht, verändern sich beim zweiten Hinsehen oder erweisen sich bei genauerem Blick als Unsinn. Das ist so verlässlich, dass Klarträumer gedruckten Text absichtlich als Prüfung benutzen, ob sie schlafen. Wenn deine Traumhandschrift Unfug getrieben hat, beschreibst du etwas, das unzählige andere ebenfalls beschreiben.

Die ältere Auslegung ist damit nicht erledigt, aber die schlichte gehört zuerst genannt. Es bringt wenig, in einer Eigenschaft, die fast alle schlafenden Köpfe teilen, nach einer persönlichen Botschaft zu suchen.

Was geschrieben wurde und für wen

Sobald es einen Inhalt gibt, hat die Auslegung mehr in der Hand. An einen bestimmten Menschen zu schreiben gilt als etwas, das ihm gegenüber unausgesprochen blieb. Ein Dokument zu unterschreiben gilt als Bindung, und die ängstliche Variante, unterschreiben ohne ein Wort gelesen zu haben, als eine zu schnell gegebene Zusage. Geschriebenes, das sofort zerrissen oder weggewischt wird, gilt als Ausdrucksversuch, den jemand noch niemandem anvertrauen mag.

Wer den ganzen Tag mit Wörtern arbeitet, sollte das meiste hiervon abziehen. Für jemanden mitten im Manuskript, für Studierende in der Abschlussarbeit oder für Menschen, die in Formularen versinken, ist der Schreibtraum der fortgesetzte Arbeitstag und kein ankommendes Symbol, genau wie andere von der Schicht träumen, die sie eben beendet haben.

Häufig gestellte Fragen

Wird Schreiben anders ausgelegt als Lesen?
Die beiden gelten als die zwei Hälften derselben Tätigkeit. Lesen steht für das Aufnehmen, Schreiben für das Herausgeben, und deshalb stehen sie in den meisten Traumbüchern unter recht verschiedenen Einträgen.
Was ist mit Schrift in einer Sprache, die ich nicht kann?
Üblicherweise gilt das als etwas, dessen Bedeutung jemand ahnt und noch nicht entschlüsseln kann, sei es ein anderer Mensch oder die eigene Lage. Mehrsprachige berichten es deutlich seltener, was dafür spricht, dass das Bild aus Fremdheit gebaut ist und nicht aus dem Alphabet.

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