Vom Lesen träumen

Fast alle, die vom Lesen träumen, berichten dieselbe merkwürdige Kleinigkeit: die Wörter bleiben nicht liegen, und genau das ist der interessanteste Teil des Bildes.

Die Kleinigkeit, die fast jeder erwähnt, ist immer dieselbe: die Wörter hielten nicht still. Zeilen ordnen sich um, ein Satz liest sich beim zweiten Blick anders, Buchstaben rutschen in Formen, die beinahe Sprache sind und dann doch nicht. Das wird so breit berichtet, dass Leute, die das Bemerken von Träumen üben, es absichtlich als Probe benutzen. Neben dieser Merkwürdigkeit steht der überlieferte Umgang mit der Handlung selbst ziemlich schlicht da: Lesen im Traum gilt seit Langem als Suche nach einer Antwort.

Warum die Wörter wandern

Wachlesen hängt stark an Hirnregionen, die im REM-Schlaf weitgehend ruhig sind, also erscheint auf der Seite der Eindruck von Text und nicht Text. Von innen fühlt es sich genau wie Lesen an, doch der Inhalt wird Zeile für Zeile improvisiert, ohne dass ihn etwas festhält, und deshalb hat sich die Seite verändert, sobald du zurückschaust. Dass Geschriebenes nachts nicht stabil bleibt, ist eher die Regel als die Ausnahme, und darüber, wie gut jemand im Wachen liest, sagt es überhaupt nichts.

Was die Überlieferung aus der Handlung macht

Ältere Traumbücher deuten das Lesen als gesuchte Belehrung. Stilles Lesen wird meist als eigenes Nachdenken beschrieben, lautes Lesen als etwas, das jemand verstanden wissen will, und Vorlesen vor einer Gruppe als Bild fürs Beurteiltwerden. Eine leere, herausgerissene oder in unbekannter Schrift beschriebene Seite zieht Deutungen über eine Auskunft an, die noch nicht angekommen ist, statt über eine, die absichtlich zurückgehalten wird.

Was du zu lesen versucht hast

Was in deinen Händen lag, wiegt meist schwerer als die Handlung drumherum. Ein Brief, ein Schulbuch, ein Vertrag und ein Roman ziehen den Traum jeweils woandershin, und oft ist dieser Gegenstand das Stück, an das man sich halbwegs am klarsten erinnert. Wenn du vom Lesen lebst, oder wenn Lesen das war, wobei man dich als Kind langsam genannt hat, trägt dieses Bild eine Ladung, die kein allgemeiner Eintrag für dich mitliefern kann.

Häufig gestellte Fragen

Warum kann ich in Träumen nie richtig lesen?
Das ist ein normaler Zug des Träumens und kein persönliches Versagen. Die Hirnbereiche für geschriebene Sprache sind im REM-Schlaf weitgehend abgeschaltet, also kann ein Traum das Gefühl des Lesens liefern, ohne stabile Wörter dazu herzustellen.
Bedeutet es etwas Bestimmtes, wenn ich im Traum ein Buch lese?
Ausleger achten weniger auf das Buch als darauf, wie das Lesen lief. Mit einer Seite zu kämpfen, die Zeile zu verlieren oder sie leer zu finden wird ganz getrennt davon behandelt, sich mit etwas hinzusetzen, dem man mühelos folgt.

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