Ein Umschlag in der Hand, halb bekannte Handschrift und der Moment vor dem Öffnen: Gedeutet wird seit jeher das Warten und nicht die Nachricht selbst.
Kaum jemand schreibt heute noch Briefe, und trotzdem hält sich der Umschlag im Schlaf hartnäckig. Die Traumtradition liest den Brief als Nachricht, auf die jemand wartet, und sie hat sich immer weit mehr für dieses Warten interessiert als für den Inhalt, den nach dem Aufwachen fast niemand behält. Für die meisten Träumenden besteht das ganze Bild ohnehin aus einem verschlossenen Kuvert in der Hand, aus einer Handschrift, die halb vertraut wirkt, und aus dem Augenblick davor.
Träume greifen auf alte Bilderwelten ebenso zu wie auf heutige Gewohnheiten, und das versiegelte Kuvert bleibt die klarste Art, in der der Schlaf eine vorhandene, aber ungelesene Nachricht zeigen kann. Eine Benachrichtigung auf dem Sperrbildschirm hat diese Spannung nicht, weil sie schon offen ankommt. Der Brief behält seine Kraft genau deshalb, weil er einen ganzen Tag ungeöffnet auf dem Küchentisch liegen bleiben kann, und auf diese Lücke zwischen Ankommen und Wissen zielt die Überlieferung die ganze Zeit.
Zuerst gehören die naheliegenden Erklärungen hierher. Wer auf ein Ergebnis, eine Entscheidung oder die Antwort einer Behörde wartet, hat einen offensichtlichen Anlass für diesen Traum, und er verschwindet meist, sobald der echte Umschlag im Kasten liegt. Auch die persönliche Vorgeschichte biegt das Bild kräftig. Wer jeden Brief einer Großmutter aufgehoben hat, sieht darin etwas anderes als jemand, dem die schlimmste Nachricht seines Lebens in einem braunen Kuvert ins Haus kam. Angekündigt wird hier keine Post, beschrieben wird der Zustand des Wartens.


