Erinnert wird die Farbe, manchmal sogar der Duft, was im Traum selten ist. Blumen stehen für etwas, das gerade auf seinem Höhepunkt ist und kurz bleibt.
Blumen halten sich nicht lange, und genau daran hängt ihre Deutung. Überliefert stehen sie für etwas, das gerade auf seinem Höhepunkt ist und es nicht lange bleibt, weshalb Ausleger sie mit Zuneigung, Anerkennung und Augenblicken verbinden, die diese Form nicht behalten. Erinnert wird meist die Farbe, gelegentlich der Duft, und das ist bemerkenswert, weil Gerüche im Traum überhaupt selten vorkommen.
Den größten Teil der Deutungsarbeit übernimmt der Zustand. Aufgehende Knospen gelten als etwas, das beginnt, welkende oder fallende Blätter als Aufmerksamkeit, die von etwas einmal Gepflegtem abgewandert ist, und Schnittblumen als Schönheit, die man unter der Bedingung annimmt, dass sie vergeht. Ein geschenkter oder erhaltener Strauß bringt eine zweite Person ins Bild, und danach fragen Ausleger zuerst. Blumen, die im Boden wachsen statt in der Vase zu stehen, werden anders gelesen, näher an Verwurzeltem als an Überreichtem.
Kaum irgendwo zeigt sich so deutlich, dass eine Lesart einer Kultur gehört und nicht der Welt. Weiß ist in manchen Ländern die Farbe der Hochzeit und in anderen die der Trauer. Chrysantheme, Lilie, Nelke und Ringelblume tragen Bedeutungen, die sich über Grenzen hinweg vollständig umkehren. In Deutschland und Österreich gehört die Chrysantheme für viele auf den Friedhof, was anderswo niemand so sieht. Wer dir einen festen Schlüssel pro Farbe reicht, nimmt stillschweigend an, dass du dort lebst, wo er selbst lebt.
Blumen kommen auf ganz gewöhnlichen Wegen in den Schlaf: ein Garten, an dem du vorbeigegangen bist, eine Beerdigung, ein Krankenzimmer, ein Jahrestag. Weil sie so eng an Anlässen hängen, zielt der Traum oft auf den Anlass und nicht auf die Blüte. Deine Erinnerung daran, wer dir zuletzt welche gebracht hat, sagt mehr als jede Tabelle mit Arten und angeblichen Botschaften.


