Diese Gestalt kommt mit dem Rotstift in der Hand, und genau das ist ihr Sinn: Gelesen wird sie als der Teil von dir, der die Arbeit bewertet.
Irgendetwas wird gerade beurteilt, und deshalb steht diese Gestalt im Traum. Überliefert ist sie als der Teil des Träumenden, der die eigene Arbeit bewertet, und das erklärt, warum das Bild noch Jahrzehnte nach dem letzten Schultag funktioniert. Fast ebenso alt ist die zweite Lesart, die weniger vom Urteil handelt als von Anleitung: von einem Rat, den jemand längst bekommen und noch nicht befolgt hat.
Eine bestimmte, erinnerte Lehrerin behandeln Deuter völlig anders als eine gesichtslose Figur. Ein Mensch mit Namen aus deiner eigenen Schulzeit bringt die ganze Epoche mit, und viele wundern sich, wie genau der Schlaf einen Flur oder einen Geruch wiederherstellt. Wo diese eine Person dich geformt hat, im Guten wie im Schlechten, ist ihre Geschichte bereits die Deutung, und alles Allgemeine ist nur Geräusch darum herum. Bleibt das Gesicht unscharf, deutet man abstrakter: als Maßstab, der im Raum liegt, und nicht als Anspruch eines einzelnen Menschen.
Den Rest der Arbeit erledigt deine eigene Position im Zimmer. Unvorbereitet dasitzen und nichts antworten können gehört zu den meistberichteten Träumen von Erwachsenen, die seit Jahrzehnten aus der Schule sind, und es häuft sich, wenn jemand bei der Arbeit neu beobachtet wird. Gelobt zu werden versteht man als Selbstanerkennung, die anderswo noch nicht ausgesprochen wurde. Vorn zu stehen und selbst zu unterrichten bezieht man auf Verantwortung dafür, wie andere lernen oder sich benehmen, weshalb frisch beförderte Menschen und frische Eltern es beschreiben. Ein Streit mit der Lehrkraft gilt als Streit mit einer Regel, die dir übergeben wurde, und nicht mit dem Menschen, der sie überbracht hat.
Über das Jahr verteilt sich das Bild ungleich. Berichte nehmen zu Schuljahresbeginn zu, vor Prüfungen und in jeder Phase, in der Leistung überprüft wird. Das ist eine schlichte Erklärung und sehr oft die richtige. Sie nimmt dem Bild nichts weg, sie verschiebt nur die Reihenfolge: Ein Blick in den eigenen Kalender kommt vor dem Blick ins Symbolregister. Und weil jede Schulzeit anders verlaufen ist, sagt deine Erinnerung an sie mehr über den Traum als jede Sammelbedeutung.


