Die Arbeit folgt Menschen zuverlässiger in den Schlaf als fast alles andere, und Träume mit der vorgesetzten Person kommen genau in den Wochen, die man erwartet.
Wer bei der Arbeit unter Druck steht, träumt irgendwann von der Person, die dort das Sagen hat, und der Zeitpunkt ist selten rätselhaft. Überlieferte Deutungen behandeln die vorgesetzte Person weniger als Individuum denn als Stellvertretung für Autorität und Bewertung: das Gefühl, von jemandem gemessen zu werden, dessen Meinung Folgen hat.
Traumausleger haben früh bemerkt, dass Autoritätsfiguren im Traum austauschbar sind. Eine Chefin, ein Lehrer, ein Elternteil und eine Beamtin können in derselben Szene dieselbe Stelle besetzen, und welche davon auftaucht, hängt oft nur daran, wen du zuletzt gesehen hast. Deshalb stellt sich ein Traum über die Vorgesetzte manchmal beim Nachdenken als Traum über eine viel ältere Erfahrung des Beurteiltwerdens heraus.
Die Kündigung wird ständig berichtet und meist als Unsicherheit über den eigenen Stand gelesen, nicht als etwas, das mit einer echten Stelle zu tun hat. Lob hat seine eigene Deutung, mal als Wunsch, mal als Unbehagen darüber, dass Zustimmung zu viel Gewicht bekommt. Eine vorgesetzte Person, die in deiner Wohnung auftaucht, ist eine eigene und häufig berichtete Fassung, gelesen als Arbeit, die in einen Raum übergegriffen hat, der privat bleiben sollte. Häufig beschrieben wird auch die stumme Fassung, in der die vorgesetzte Person nur zusieht und nichts sagt; sie gilt als Beobachtetwerden ohne jede Rückmeldung.
Streit mit der Chefetage im Traum kommt gehäuft vor, wenn eine echte Meinungsverschiedenheit unausgesprochen geblieben ist.
Der Traum ist keine Auskunft darüber, was deine Vorgesetzte von dir hält, und kein Signal über dein Arbeitsverhältnis. Keine allgemeine Deutung kann wissen, ob du diesen Menschen bewunderst oder fürchtest, und schon dieser eine Umstand ordnet den ganzen Traum neu. Wiederholt sich dieselbe Szene über Wochen, zeigt sie brauchbarerweise auf das Ausmaß deines Drucks, und der lässt sich mit echten Menschen besprechen und nicht über einen Lexikoneintrag.


