Ein Traum mit gleichbleibender Form: Etwas fehlt, die Dringlichkeit ist echt, und der Gegenstand taucht nirgends auf oder ausgerechnet an einer zweimal geprüften Stelle.
Diese Träume sind so verbreitet, dass die meisten kürzlich einen hatten, ohne sich daran zu erinnern. Die Form wiederholt sich: Etwas fehlt, das Finden fühlt sich dringend an, und entweder taucht es nie auf oder es liegt dort, wo schon gesucht wurde. Die Deutung ist für ein Traumbild ungewöhnlich schlicht: Im Wachen ist etwas unerledigt, und der Kopf geht immer wieder nachschauen.
Deuter verbringen weit mehr Zeit mit dem Verlorenen als mit dem Suchen. Schlüssel stehen für Zugang, zu einem Ort, einer Rolle oder einer Entscheidung. Ein Telefon gehört zur Erreichbarkeit. Papiere und Fahrkarten gehören zu Erlaubnis und Berechtigung. Eine Tasche oder ein Koffer hängen an Verantwortung, denn darin steckt, was jemand durch den Traum trägt. In den Berichten drängeln sich Schlüssel und Geldbeutel, was Deuter darauf zurückführen, wie oft beides auch tagsüber verschwindet. Das Suchen ist nur der Rahmen.
Diese Fassung wird anders geschildert und fühlt sich schlimmer an. Ein Kind, eine Partnerin oder einen Elternteil in einem Gebäude zu suchen, das sich ständig umbaut, gehört zu den bedrückendsten Träumen überhaupt und kommt bei Pflegenden ebenso häufig vor wie bei allen, die kürzlich von jemandem getrennt wurden. Gelesen wird das als Sorge und nicht als Vorahnung, und keine ernsthafte Überlieferung behandelt es als Ankündigung.
Eine Einzelheit verdient eigene Beachtung: In den meisten Berichten wehrt sich die Umgebung. Schubladen füllen sich wieder, Flure werden länger, dasselbe Regal wird mehrfach abgesucht. Deuter halten das für den Kern des Bildes und nicht für einen Makel, denn genau diese Mühsal wird ja beschrieben. Die Zeit benimmt sich daneben ebenfalls seltsam, und Menschen schildern Dringlichkeit ohne Uhr, das Gefühl, zu spät zu sein für etwas, das sie auf Nachfrage nicht benennen könnten.
Dein eigener fehlender Gegenstand sticht jede Liste. Ein verlorener Ehering bedeutet für jemanden, der einen trägt, etwas anderes als für jemanden, der nie einen hatte.


