Ein Gegenstand mit zwei entgegengesetzten Deutungen, je nachdem, ob du ihn in der Hand hieltst, ihn sauber drehtest oder vor einer Tür standest, die zublieb.
Ein Schlüssel gehört zu den wenigen Traumgegenständen, deren Deutung an einer einzigen Einzelheit umkippt, nämlich daran, ob du ihn hattest. Gehalten, gefunden oder glatt im Schloss gedreht steht er für Zugang: eine Lösung, die eintrifft, eine Erlaubnis, etwas, das bisher zu war und jetzt offensteht. Verloren, abgebrochen oder schlicht nicht passend wird daraus dieselbe Tür mit dir auf der falschen Seite. Dass das Deutsche vom Schlüsselerlebnis spricht, zeigt, wie fest das Bild an der Vorstellung von plötzlichem Zugang hängt.
Beim Gegenstand bleibt kaum jemand stehen. Gefragt wird, was er geöffnet hat, denn Haustür, Auto, Schreibtischschublade und eine unbekannte Tür tragen ganz eigene Deutungen, und ein Schlüssel zu einem Ort, den du nie gesehen hast, gilt als die interessanteste Fassung überhaupt. Diese Tür wird üblicherweise als etwas verstanden, das noch nicht bewohnt ist, also als Möglichkeit und nicht als Besitz.
Nebenbei gehören Schlüssel zu den am häufigsten verlegten Dingen im Alltag, und wer schon zehn Minuten lang vor der Arbeit seine Taschen abgetastet hat, hat frischen Nachschub für genau die Unruhe, aus der dieser Traum lebt. Oft steckt nicht mehr dahinter. Neutral ist der Gegenstand ohnehin nie: Für die eine ist ein Schlüssel die erste eigene Wohnung und der Anfang der Selbständigkeit, für den anderen gehört er zu einem Haus, das er verlassen musste. Diese beiden wachen aus demselben Bild mit nichts Gemeinsamem auf. Lies deinen an deinen eigenen Türen.


