Kirchen, Moscheen, Tempel und Synagogen tauchen im Traum überall dort auf, wo es sie im Leben gibt, und jede Tradition liest das Gebäude etwas anders.
Ein Gotteshaus im Traum wird zuerst als Gebäude gelesen und nicht als Lehre: ein abgesonderter Raum, den man anders betritt als andere Räume, in dem Menschen still sind und um etwas gebeten wird. Quer durch die Traditionen gilt das Bild grob als Zuflucht, als Innehalten oder als Wunsch nach etwas Größerem, an dem man sich festhalten kann als dem eigenen Urteil.
Auslegungen dieses Bildes gibt es in christlichen, islamischen, jüdischen, hinduistischen und buddhistischen Quellen und außerdem in ganz weltlicher Traumpsychologie, und sie stimmen nicht überein. In manchen gilt das Betreten als befragtes Gewissen. In anderen als Trost. Psychologische Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts beschrieben eher, wie sich der Schlaf einen Ort von Sicherheit und Autorität aus dem Material baut, in dem ein Mensch aufgewachsen ist. Dieser Eintrag entscheidet nicht, welche Sicht richtig ist, und nichts hier ist eine Aussage darüber, was eine Glaubensrichtung lehrt.
Draußen zu stehen, ohne hineinzugehen, wird sehr häufig geschildert und meist mit Abstand zu etwas verbunden, zu dem man einmal gehörte. Ein leeres Gebäude gilt eher als Ruhe und Nachdenken denn als Verlassenheit. Ein voller Gottesdienst wird mit Zugehörigkeit verknüpft oder mit dem Unbehagen, zwischen Menschen zu sitzen, deren Gewissheit man nicht teilt. Bauten, die ihre Gestalt wechseln oder Formen mehrerer Religionen mischen, kommen sehr oft vor und gelten als Vermischung von Erinnerungen, nicht als Aussage über diese Religionen.
Kein Symbol in diesem Lexikon hängt so stark an der einzelnen Person. Wer täglich betet, wer eine Gemeinde verlassen hat und noch immer von ihrer Tür träumt, wer solche Häuser nur als Reisende von innen kennt und wer in einem geheiratet hat, träumen aus demselben Bild vier verschiedene Träume. Was der Ort in deinem Leben bedeutet hat, ist die Auslegung. Die Überlieferung kann ihr nur Gesellschaft leisten.


