Wer vom Friedhof träumt, erinnert sich meist an die Stille und nicht an Angst; überliefert steht der Ort für Gedenken und Abschluss, nie für Vorhersage.
Träume vom Friedhof erschrecken viele beim Aufwachen, deshalb gleich vorweg: Sie sind sehr häufig, und keine ernsthafte Auslegung nimmt sie als Zeichen dafür, dass jemand sterben wird. Überliefert steht der Ort für Erinnerung und für abgeschlossene Dinge. Was die meisten von dort mitbringen, ist ohnehin nicht Furcht, sondern die Stille.
Auf dem Friedhof legt eine Gemeinschaft ab, womit sie fertig ist und was sie trotzdem behalten will. So verstanden handelt der Traum meist vom eigenen Verhältnis zur Vergangenheit: von Sachen, die wirklich vorbei sind, von Menschen, die du nicht mehr siehst, von Lebensentwürfen, die du nicht weiterführst. Ruhig zwischen den Steinen zu gehen, gilt meist als Frieden mit einem Teil davon. Ein bestimmtes Grab nicht zu finden, wird häufiger mit einem ungeklärten Gefühl gegenüber einer Person oder einer Zeit verbunden.
Eine zugewachsene Anlage gilt überliefert als ungepflegte Erinnerung, was viele mit einer Familiengeschichte verknüpfen, deren Faden verloren ging. Ein sorgsam gepflegtes Grabfeld trägt die umgekehrte Verbindung. Den eigenen Namen auf einem Stein zu lesen, ist ein Bild, das erstaunlich viele kennen. Deuter behandeln es als Begegnung mit einer Veränderung oder mit einem Kapitel, das schließt, und ausdrücklich nicht als Aussage über deine Gesundheit oder deine Lebenszeit.
Sehr oft ist das der Fall. Jahrestage, eine Beisetzung, das Ausräumen einer Wohnung, sogar ein beiläufiges Gespräch über einen verstorbenen Menschen bringen diese Träume mit sich, und sie sagen dann mehr über das Trauern als über Symbolik. Wer jedes Jahr im November ein Familiengrab besucht, hat ganz andere Gefühle an dem Bild hängen als jemand, der noch nie zwischen Gräbern stand, und dieser Unterschied wiegt schwerer als alles, was hier stehen kann. Belasten dich solche Träume über längere Zeit, ist das ein Anlass, mit einem vertrauten Menschen zu sprechen, und kein Anlass, nach einer verborgenen Bedeutung zu suchen.


