Wenige Bilder treiben die Überlieferungen so weit auseinander: in der einen Kultur ein willkommener Besuch, in der nächsten ein Hinweis auf etwas Unerledigtes.
Eine Gestalt am Fußende des Bettes oder ein vertrauter Mensch, der dort steht, wo er unmöglich stehen kann: was Träumende hier schildern, gleicht sich erstaunlich, und was die Überlieferungen daraus machen, gleicht sich überhaupt nicht. In europäischen Sammlungen liest man am häufigsten, die Erscheinung zeige etwas Unerledigtes an, eine Sache, die jemand mit sich herumträgt, ohne sie je abzuschließen. Andere Kulturen deuten denselben Anblick auf Weisen, die damit fast nichts gemeinsam haben, und ein guter Teil dieser Erlebnisse ist am Ende gar kein Traum.
Die Fassung von der offenen Sache stammt großenteils aus europäischen Volkssammlungen: eine zurückkehrende Gestalt steht dort für nie gesagte Worte, einen nie beendeten Streit, eine still fallengelassene Pflicht. Ahnenlesarten, verbreitet in weiten Teilen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, behandeln den Besuch der Verstorbenen als etwas Gewöhnliches und oft Tröstliches, als Fortsetzung einer Beziehung und nicht als Störung. Eine dritte, jüngere Linie legt die Symbolik beiseite und nimmt die Gestalt als das, wovor die schlafende Person derzeit Angst hat, in eine Form gebracht, die man ansehen kann. Keine der drei behauptet, etwas über Verstorbene zu berichten, und diese Seite tut es ebenso wenig.
Ein großer Teil dieser Erlebnisse ist kein Traum im gewöhnlichen Sinn. Bei der Schlaflähmung wacht ein Mensch auf, kann sich nicht bewegen und nimmt häufig eine Anwesenheit im Zimmer wahr. Das Phänomen ist gut untersucht, sehr verbreitet und körperlich erklärbar. Es geschieht an der Grenze zwischen Schlafen und Wachen, und überall auf der Welt haben Kulturen der Figur, die dort steht, einen eigenen Namen gegeben, im deutschsprachigen Raum dem Alp, der im Wort Albtraum bis heute mitläuft. Zu wissen, wie das zustande kommt, macht die Nacht nicht angenehmer, es macht aber jede übernatürliche Erklärung entbehrlich.
Trauernde träumen oft von Verstorbenen, und solche Träume können innerhalb einer Minute zärtlich, verstörend oder beides sein. Was dieser Mensch dir bedeutet hat, prägt die Nacht weit stärker als jeder Eintrag in einem Buch, und deshalb kommt dieselbe Erscheinung bei der einen Person als Trost an und bei der nächsten als Schrecken. Niemand muss so einen Traum entschlüsseln, und niemand muss ihn als Botschaft behandeln. Hält er dich wach oder drückt er tagelang auf die Stimmung, ist das etwas, das du jemandem erzählen darfst, dem du vertraust.


