Kaum eine Gestalt wird so oft geträumt wie ein Säugling, und die überlieferten Deutungen drehen sich um Anfänge und nicht um tatsächliche Kinder.
In Traumtagebüchern gehört der Säugling zu den häufigsten Gestalten überhaupt, und das lohnt sich zu wissen, bevor du etwas Dramatisches hineinliest. Die älteste und stabilste Lesart sieht im Baby ein Bild für etwas erst kürzlich Begonnenes, das noch nicht für sich selbst sorgen kann: eine Arbeit, eine Beziehung, eine Fassung von dir, die ein paar Wochen alt ist.
Viele wachen aus diesem Traum auf und fragen sich sofort, ob sich eine Schwangerschaft ankündigt. Der Sprung liegt nahe, die Überlieferung stützt ihn aber kaum. In europäischen, nahöstlichen und südasiatischen Traumbüchern steht der Säugling für Neues im Allgemeinen, und ein Traum kann bei niemandem eine Schwangerschaft bemerken.
Für einen großen Teil dieser Träume gibt es außerdem eine schlichte Erklärung. Wer mit einem kleinen Kind lebt, in der Geburtshilfe arbeitet oder seit Monaten auf ein Kind hofft, träumt schon deshalb oft von Babys, weil Säuglinge tagsüber die Aufmerksamkeit besetzen. Eine Hebamme, ein frisch gebackener Vater und jemand mitten in einer Kinderwunschbehandlung träumen nicht denselben Traum, auch wenn das Bild gleich aussieht. Fang also damit an, was Säuglinge in deinem eigenen Leben ohnehin schon bedeuten.
Traumdeutung ist eine lange Auslegungstradition und kein Verfahren, das etwas vorhersagt; kein Eintrag hier weiß, was auf dich zukommt. Was er kann, ist dir Wörter für ein Gefühl geben, mit dem du aufgewacht bist. Hat dich das Baby im Traum weich gemacht, ist das eine andere Auskunft als ein Baby, das dich erschöpft zurückgelassen hat, und dieser Unterschied gehört dir und nicht dem Symbol.


