Eine Weide voller Schafe steht für Geduld, Auskommen und Zugehörigkeit, und darunter läuft die alte Frage mit, ob jemand freiwillig im Takt der Herde geht.
Eine Weide voller Schafe gehört zu den friedlichsten Bildern, die der Schlaf hervorbringt, und die überlieferten Deutungen passen dazu: Geduld, Auskommen, das Gefühl, irgendwo dazuzugehören. Der letzte Punkt hat eine zweite Kante, denn dasselbe Bild dient seit langem der Frage, ob jemand mit der Gruppe Schritt hält, weil er will, oder weil es der bequemere Weg ist.
Zieht die ganze Herde zusammen los, heißt die übliche Auslegung Sicherheit in der Menge und eine Strecke Leben ohne viel Reibung. Ein einzelnes Schaf abseits der anderen verschiebt den Schwerpunkt völlig, und Deuter nehmen es meist als das Bemerken der eigenen Andersartigkeit unter lauter vertrauten Leuten. Ob das nach Einsamkeit schmeckt oder nach Unabhängigkeit, entscheidet das Gefühl im Traum, und dafür gibt es nur einen Zeugen.
Bäuerliche Quellen führten mehr Einzelheiten als heutige Listen. Das Scheren stand für etwas, das man abgibt und wofür etwas zurückkommt. Das Mutterschaf mit dem Lamm gehörte in die alten Abschnitte über Fürsorge und Pflicht. Ein verlorenes Schaf drehte sich in diesen Quellen weniger um das Tier als um die Suche, und es stand meist für etwas, um das jemand aufgehört hatte sich zu kümmern.
Im deutschen Sprachraum kommt ein Wortbild dazu, das älter ist als jede Untersuchung darüber: Schäfchen zählen vor dem Einschlafen. Das Tier war also schon an den Schlaf selbst geknüpft, bevor ein Traum es aufgreift. Eine Sprachgewohnheit, keine allgemeine Bedeutung.
Und dann ist da die eigene Lage. Wer auf einem Berghof groß geworden ist, sieht in der Herde Arbeit, Wetter und sehr frühe Morgen, keine Sanftheit, und diese Verknüpfung sticht jede Wörterbuchzeile. Angekündigt wird mit alledem ohnehin nichts; die Überlieferung sortiert Bilder, sie blickt nicht voraus.


