Eines der wenigen Traumbilder, dessen überlieferte Deutungen einander offen widersprechen, und bei dem nicht das Wetter arbeitet, sondern der Boden selbst.
Bei kaum einem Landschaftsbild widerspricht sich die Überlieferung so offen wie beim Erdbeben. Eine Linie liest es als Umbruch und verlorenen Halt, als Erschütterung, die von unten kommt. Eine zweite sieht in demselben Bild ein Gebäude, das ohnehin morsch war und endlich nachgibt, und das steht der Erleichterung näher als der Katastrophe. Beide Fassungen sind seit Jahrhunderten notiert, und keine kündigt ein Beben, ein Unglück oder sonst etwas an.
Sturm, Hochwasser und Feuer kommen von irgendwoher, man kann ihnen zusehen. Beim Erdbeben gibt genau das nach, worauf man gerade steht, und in diesem Unterschied sitzt die ganze Symbolik. Ältere Sammlungen bringen es mit den Teilen eines Lebens zusammen, die man voraussetzt, statt sie zu prüfen: die Stelle, die immer da sein würde, eine Familienabsprache, die nie jemand infrage gestellt hat, eine Annahme über dich selbst, für deren Prüfung es nie einen Anlass gab.
Erzählt wird meist nicht das Beben, sondern das Danach: auf der Straße stehen und Risse ansehen, nachsehen, ob ein bestimmtes Haus noch steht, durchzählen, wer da ist. Diese Betonung gilt als Traum davon, was eine Veränderung überstehen soll, und nicht von der Veränderung selbst. Welches Gebäude du zuerst gesucht hast, ist gewöhnlich die aufschlussreichste Einzelheit im ganzen Traum.
Dieser Eintrag ist für allgemeine Leser geschrieben und passt nicht für alle gleich gut. Im deutschsprachigen Raum kennen die meisten Erdbeben aus den Nachrichten, von leichten Stößen am Oberrhein oder in der Steiermark einmal abgesehen. Wer dagegen ein schweres Beben in der Türkei, in Italien, in Japan oder in Chile erlebt hat, träumt aus Erinnerung und nicht aus einem Sinnbild, und Erinnerung schlägt jede symbolische Deutung. Dasselbe gilt für Menschen, die mit der Erzählung eines solchen Bebens aufgewachsen sind. Trifft das zu, tut der Traum vermutlich die gewöhnliche Arbeit, etwas Wirkliches zu verarbeiten, und es wäre schade, ihn unter beruflichem Umbruch abzulegen.


