Eine Brücke ist das einzige Bauwerk, das dazu da ist, verlassen zu werden, und die gesamte überlieferte Deutung hängt an genau diesem Umstand.
Nichts ist so wenig zum Bleiben gebaut wie eine Brücke. Sie ist da, um überquert und verlassen zu werden, und diese eine Eigenschaft trägt ihre gesamte Traumsymbolik, die sich um den Übergang von einem Zustand in einen anderen dreht. Wer berichtet, mitten auf einer stehen geblieben zu sein, beschreibt das Bild in seiner reinsten Form.
Auf halber Strecke zu stehen, ohne dass ein Ufer nah wäre, ist die Fassung, die Ausleger am spannendsten finden und die Menschen am besten behalten. Gelesen wird sie als Zeit, in der die alte Ordnung vorbei und die neue noch nicht angefangen ist, ein Zustand, den jeder wiedererkennt, der zwischen Stellen, Wohnungen oder Beziehungen steckt. Manche Quellen ergänzen, dass der Blick nach unten für das Bewusstsein steht, was der Übergang kostet.
Die Deutung achtet genau auf das Bauwerk. Eine schmale Hängebrücke, eine massive Steinbrücke und eine Autobahnbrücke ergeben verschiedene Lesarten, die meist damit zu tun haben, wie gut abgestützt sich jemand in der laufenden Veränderung fühlt. Fehlende Bretter und sichtbare Schäden gelten als Zweifel daran, ob der Weg hält, und nicht als Hinweis auf eine echte Reise. Eine Brücke ohne anderes Ende, die im Nebel verschwindet, kommt immer wieder vor und wird meist als Veränderung mit wirklich unbekanntem Ziel gelesen.
Den meisten Auslegern gilt der Ausgang als der wichtige Teil: hinübergehen, umkehren, warten oder aufwachen, bevor du dich entschieden hast. Umkehren wird nicht als Scheitern gelesen, und ältere Quellen behandeln es schlicht als getroffene Entscheidung. Wer jeden Morgen über dieselbe Brücke zur Arbeit fährt, greift auf einen vertrauten Gegenstand zurück und nicht auf ein Symbol, und diese Vertrautheit gehört vorher eingerechnet. Das Bild kann ein Gefühl benennen; welchen Weg du nehmen sollst, kann es nicht sagen.


