Einer der wenigen Träume, die einen ganzen Vormittag verderben können. Gedeutet wird er als Unsicherheit, und als Beweis über einen Menschen taugt er nicht.
Das ist einer der wenigen Träume, die nach dem Aufwachen weiter wehtun. Viele verbringen einen ganzen Vormittag still wütend auf einen Menschen, der überhaupt nichts getan hat. Die überlieferte Auslegung ist sich hier fast einig: Es geht um Vertrauen, um Selbstwert und um die Angst, ersetzt zu werden, und als Hinweis auf etwas Wirkliches wird das Bild nicht behandelt.
Gefühle werden im Traum nicht verdünnt, die Bilder schon. Oft bleibt nur ein Bruchstück der Szene, während der Verrat in voller Stärke ankommt und der Körper darauf reagiert wie auf die echte Sache. Deshalb überlebt das Gefühl den Schlaf. Diesen Mechanismus zu kennen, macht den Vormittag nicht angenehmer, erklärt aber, warum der Traum etwas bewiesen zu haben scheint, obwohl er gar nichts bewiesen hat.
Ältere Deuter verknüpfen das Bild eher mit der Angst, an Rang zu verlieren, als mit Romantik. Als Auslöser werden oft genannt: ein neuer, fordernder Job der anderen Person, eine längere Zeit räumlicher Trennung, ein alter Vertrauensbruch aus einer früheren Beziehung, der wieder hochkommt, und schlicht die Unsicherheit nach Wochen, in denen man sich unattraktiv oder übersehen fühlte. Der Traum besucht auch Menschen ohne Beziehung; dort hängt er sich an Freundschaften, an die Arbeit oder an die Familie. Manche Lesart dreht ihn sogar um: Nicht die andere Person geht fort, sondern deine eigene Aufmerksamkeit ist woanders.
Keine nennenswerte Tradition behandelt diesen Traum als Aufklärung. Er deckt nichts auf, er bestätigt keinen Verdacht, und ihn als Beweis zu nehmen, hat schon sehr viel unnötigen Schaden angerichtet. Wo darunter eine echte Sorge liegt, hilft ein Gespräch, und das Gespräch läuft besser, wenn es nicht mit einem Traum anfängt. Wie schwer das Bild wiegt, hängt an deiner eigenen Geschichte mit Enttäuschungen. Zwei Menschen können dasselbe träumen, und die eine schüttelt es bis mittags ab, während es den anderen tagelang begleitet.


