Jedem der zwölf Zeichen steht eines genau gegenüber, und die Tradition liest diese Paarung als Ergänzung zweier Hälften, nicht als schlechte Besetzung.
Jedes der zwölf Sternzeichen hat genau ein Gegenüber: das Zeichen, das im Tierkreis direkt gegenüberliegt, sechs Plätze weit in beide Richtungen und im Kalender rund ein halbes Jahr weg. Daraus ergeben sich sechs Paare. Widder und Waage, Stier und Skorpion, Zwillinge und Schütze, Krebs und Steinbock, Löwe und Wassermann, Jungfrau und Fische. Den Abstand von 180 Grad, also den halben Kreis, nennt die Astrologie eine Opposition. Anders als die meisten Abstände auf diesem Kreis gilt sie nicht als Störung, sondern als Anziehung.
Hinter jedem Paar steckt derselbe Bauplan. Ein ganz gewöhnliches menschliches Bedürfnis wird in zwei Hälften geschnitten, und jedes der beiden Zeichen bekommt eine davon. In einer Liste sieht man das schneller als in jeder Erklärung.
In keiner dieser sechs Zeilen steht eine Tugend gegen einen Fehler. Jedes Mal steht eine vernünftige Haltung einer anderen vernünftigen Haltung gegenüber. Die Linie, die zwei solche Zeichen verbindet, heißt in der Deutung Achse. Genau deshalb laufen Auseinandersetzungen entlang so einer Achse über Jahre, und keine Seite gewinnt je ganz.
Sechs Zeichen weiter landest du immer bei derselben Qualität. Qualität ist die Einteilung danach, ob ein Zeichen lieber etwas anfängt, es hält oder es unterwegs umbaut. Widder und Waage sind beide kardinal, also die, die anfangen. Stier und Skorpion sind beide fix. Zwillinge und Schütze sind beide veränderlich. Ein Gegensatzpaar läuft damit im gleichen Tempo und mag dieselbe Phase einer Sache. Über das Tempo streiten die beiden selten. Sie streiten über die Richtung.
Bei den Elementen geht die Rechnung genauso auf. Element meint die Zuordnung jedes Zeichens zu Feuer, Erde, Luft oder Wasser. Feuer steht immer der Luft gegenüber und Erde immer dem Wasser, kein Gegensatzpaar bringt also Feuer gegen Wasser oder Erde gegen Luft in Stellung. Und ausgerechnet die beiden Kombinationen, die dabei herauskommen, hält die alte Lehre ohnehin für bequem.
Die überlieferte Zuteilung, die jedem Zeichen einen Planeten als Zuständigen gibt, wiederholt dasselbe Muster ein drittes Mal. Widder und Waage stellen Mars und Venus einander gegenüber, Stier und Skorpion benutzen dieselben zwei Planeten seitenverkehrt. Bei Krebs und Steinbock treffen Mond und Saturn aufeinander. Die beiden Merkur-Zeichen, Zwillinge und Jungfrau, blicken auf die beiden Jupiter-Zeichen Schütze und Fische.
Die überlieferte Behauptung ist unumwunden: Was du regelmäßig weglässt, steht dir gegenüber. Von jedem Zeichen heißt es, dass es die eigene Hälfte der Achse übertreibt, und die Korrektur ist ausgerechnet in das Zeichen hineingeschrieben, dem es ins Gesicht sieht. Ein Schütze, der beim großen Ganzen sicher und bei den Einzelheiten schludrig ist, blickt auf die Zwillinge. Eine Jungfrau, die in Einzelheiten versinkt und den Zusammenhang aus den Augen verliert, blickt auf die Fische.
Als Beziehung gelesen bedeutet das Passung statt Ähnlichkeit. Zwei Menschen, die eine Lage genau gleich sehen, sind sich angenehm einig und lernen dabei nichts. Zwei Menschen an den Enden einer Achse wollen dasselbe Ergebnis und werden sich über den Weg nicht einig, und jeder von beiden zwingt den anderen, etwas mitzudenken, das er allein übersprungen hätte. Auf diesen Vorgang zielt der alte Satz, dass Gegensätze sich anziehen, in der Astrologie wie anderswo.
Dieselbe Stellung kannst du einmal im Monat am Himmel nachsehen. Der Mond wirkt nur dann vollständig rund, wenn die Erde zwischen ihm und der Sonne steht, denn erst dann trifft das Sonnenlicht die Seite voll, die wir sehen. Von uns aus hält er sich dabei in dem Zeichen auf, das dem Sonnenzeichen gegenüberliegt. Ein Vollmond ist also eine Opposition zum Anschauen, und weil ein kompletter Durchlauf aller Mondphasen 29,5 Tage braucht, kommt sie zuverlässig wieder.
Frag herum, welches Sternzeichen jemand nicht aushält, und erstaunlich viele nennen ihr eigenes Gegenüber. Das widerspricht der Anziehung nicht, es ist dieselbe Sache von der anderen Seite. Astrologen sprechen hier von Projektion, also davon, dass man die unbequeme Hälfte an eine andere Person abgibt und sich dann darüber ärgert, dass sie genau diese Hälfte lebt.
Die Vorwürfe sind dabei bemerkenswert gleichförmig. Ein Steinbock, der sich nie erlaubt, jemanden zu brauchen, findet den Krebs anhänglich. Ein Krebs, der noch nie um Anerkennung gebeten hat, findet den Steinbock kalt und berechnend. Der Wassermann nennt den Löwen selbstverliebt, der Löwe nennt den Wassermann unterkühlt und theoretisch. Jeder Vorwurf sitzt, und jeder zielt auf die fehlende Hälfte.
Deshalb zählt die Opposition zu den anstrengenden Winkeln und nicht zu den bequemen. Anstrengend heißt hier: Sie verlangt Arbeit und bringt dafür etwas hervor. Die bequemen Winkel verlangen nichts und bringen nach derselben Lesart auch entsprechend wenig.
Alles bisher Gesagte bezieht sich auf Sonnenzeichen, weil das der Teil ist, den die meisten Menschen von sich kennen. Der Abstand von 180 Grad ist aber eigentlich ein Winkel zwischen zwei beliebigen Punkten im Geburtshoroskop, also in der Zeichnung des Himmels über deinem Geburtsort zu deiner Geburtsminute. Zwei Himmelskörper, die dort einander genau gegenüberstehen, bilden eine Opposition, und mit dem Zeichen, das du beim Kennenlernen nennst, hat das nichts zu tun.
Jede solche Zeichnung trägt außerdem ein eingebautes Gegenüber. Der Aszendent ist das Zeichen, das in deiner Geburtsminute im Osten über den Horizont kam; der Punkt genau auf der anderen Seite heißt Deszendent, der absteigende Punkt im Westen, und die Tradition ordnet ihm die Partnerschaft zu. Wer mit Stier aufgeht, hat dort den Skorpion stehen. Wer seine Geburtszeit kennt, findet diese Achse oft treffender als das eigene Sonnenzeichen, wenn es um die Frage geht, wen er sucht.
Legt man zwei Geburtshoroskope nebeneinander, was Synastrie heißt, tauchen Oppositionen zwischen ihnen bei Paaren auf, die Jahrzehnte gehalten haben, und ebenso häufig bei Paaren, die nach zehn Jahren Streit auseinandergingen. Der Winkel sagt, dass ein Thema für beide zählt. Wie sie damit umgegangen sind, sagt er nicht.
Für sich genommen wenig. Wer in großen Sammlungen von Heiratsdaten nach einem Muster der Sonnenzeichen gesucht hat, hat keines gefunden, und jedes System, das alle Menschen in zwölf Fächer sortiert, trifft schon zufällig oft genug zu. Zwei Menschen sind nicht zwei Etiketten, und die Astrologie ist hier eine Deutungstradition, kein Messgerät.
Nützlich wird die Achse als Frage. Wenn ein Streit immer wieder in derselben Form zurückkommt, lohnt es sich zu prüfen, welches Ende eines einzigen gemeinsamen Bedürfnisses jeder von euch gerade verteidigt. Aus einem Schuldigen wird so ein Bedürfnis, das sich auf zwei Personen verteilt hat. Dieses Muster hat die Astrologie nicht entdeckt. Sie hat ihm sechs Namen gegeben und es in einen Kreis gelegt.


