Eine Zeichnung des Himmels über deinem Geburtsort in der Minute deiner Geburt, und eine Führung durch alles, was in diesem Kreis eingetragen ist.
Ein Geburtshoroskop hält fest, wo Sonne, Mond und Planeten in der Minute deiner Geburt standen, gezeichnet für den Blickwinkel deines Geburtsortes. In deutschen Büchern heißt dasselbe Blatt oft Radix, nach dem lateinischen Wort für Wurzel, weil jede weitere astrologische Aussage über dich daraus abgeleitet wird. Es hält einen einzigen Augenblick fest und wird danach nie mehr aktualisiert.
Was daraus eine Karte macht und keine Liste, ist die Form. Gezeichnet wird ein Kreis, und dieser Kreis ist der gesamte Himmel rund um deinen Geburtsort: die Hälfte, die du hättest sehen können, und die Hälfte darunter, flach auf ein Blatt Papier gebracht.
Fast jeder Satz, den jemand aus so einem Blatt vorliest, setzt sich aus drei Teilen zusammen. Wer diese drei auseinanderhalten kann, versteht auf einen Schlag den größten Teil der astrologischen Literatur.
Eine Deutungszeile ist meistens genau diese Stapelung: welcher Planet, in welchem Zeichen, in welchem Lebensbereich. Also welche Tätigkeit, in welchem Stil, in welcher Abteilung des Lebens. Sobald die Grammatik sitzt, wird astrologischer Text lesbar, auch die Passagen, denen du am Ende widersprichst.
Stell dir vor, du stündest in der Minute deiner Geburt im Freien und drehtest dich langsam einmal um die eigene Achse. Alles über dir, dazu alles, was unter dem Boden verborgen liegt, steht in diesem Kreis. Die Linie des Horizonts läuft quer hindurch.
Der linke Rand ist Osten, dort steigen die Himmelskörper herauf. Der rechte Rand ist Westen, dort verschwinden sie wieder. Oben liegt ungefähr der Punkt über deinem Kopf, die untere Hälfte zeigt den Himmel auf der Gegenseite der Erde, unsichtbar und trotzdem mitgezählt. Ein Planet ganz unten war also unter deinen Füßen, nicht abwesend.
Daraus folgt etwas, das viele überrascht: Zwei Blätter für denselben Kalendertag können völlig verschieden aussehen. Die Planeten verschieben sich in ein paar Stunden kaum, aber der Kreis dreht sich täglich einmal ganz herum. Dieselben Planeten landen dadurch je nach Uhrzeit an ganz anderen Stellen der Zeichnung.
Drei Angaben, mehr nicht. Das Datum setzt die Sonne und liefert für die langsamen äußeren Planeten, von denen manche Jahre für ein einziges Zeichen brauchen, eine ausreichend genaue Position. Die Uhrzeit setzt den Mond, der alle zwei Tage weiterrückt, und sie bestimmt die Drehung des Kreises, an der die Lebensbereiche hängen. Der Ort setzt den Horizont, denn derselbe Himmel steht über Lissabon anders als über Hamburg.
Zwei Kleinigkeiten führen dabei regelmäßig in die Irre.
Eine vollständige Zeichnung enthält Dutzende Einzelangaben, und niemand nimmt die auf einmal auf. Es gibt eine vernünftige Reihenfolge.
Beginne mit Sonne, Mond und dem Zeichen, das bei deiner Geburt im Osten aufging. Diese drei decken zusammen ab, was dich antreibt, wie du im Privaten bist und wie du auf Fremde wirkst. Danach kommt die Verteilung auf die vier Elemente: Zähl, wie viele Himmelskörper in den Feuer-, Erd-, Luft- und Wasserzeichen liegen, und achte ebenso auf das, was fehlt, wie auf das, was sich häuft.
Als Nächstes die Verteilung im Kreis selbst. Sitzt fast alles in einem Viertel, liest die Tradition das als Leben, das sich auf wenige Felder konzentriert. Liegt alles gleichmäßig verteilt, als Kraft, die in viele Richtungen gleichzeitig geht.
Erst danach lohnen sich die Aspekte, also die Winkel, die zwei Planeten auf dem Kreis miteinander bilden und die in Grad gemessen werden. Gelesen werden sie als Frage, ob zwei Teile des Bildes bequem zusammenarbeiten oder aneinander scheuern. Sie sind wirklich nützlich, und sie sind zugleich die Stelle, an der Anfänger verloren gehen. Heb dir die auf, bis der Grundriss ohne Nachdenken sitzt.
Die Astronomie darin ist echt und nachrechenbar. Die Positionen stammen aus denselben Tabellen, mit denen Finsternisse vorausberechnet und Schiffe navigiert wurden, und ein sauber gebauter Rechner trifft die Angaben einer Sternwarte auf Bruchteile eines Grades genau. An der Messung selbst ist nichts vage.
Die Bedeutungen sind eine andere Sache. Sie sind eine Deutungstradition, über sehr lange Zeit zusammengetragen, und keine durch Untersuchungen gesicherten Befunde. Kein Blatt sagt dir, was geschehen wird oder was du zu tun hast.
Ehrlich betrachtet liegt der Nutzen in der Struktur. Du bekommst einen Wortschatz für die eigenen Widersprüche, und besonders gut benennt so eine Zeichnung den Abstand zwischen dem Menschen, den andere kennenlernen, und dem, der du im Alleinsein bist. Ob die Symbolik darüber hinaus etwas trägt, darfst du ruhig offenlassen, während du damit arbeitest.


