Warum der volle Mond in der Deutung seit jeher als Abschluss gilt, was das Zeichen dazu beiträgt, in dem er gerade steht, und was am Himmel wirklich passiert.
Vollmond ist der Augenblick, in dem der Mond von der Erde aus gesehen der Sonne genau gegenübersteht. Das Sonnenlicht trifft dann fast frontal auf die Seite, die zu uns zeigt, und die ganze Scheibe erscheint hell. Es handelt sich um einen Zeitpunkt und nicht um eine Nacht, und er wiederholt sich etwa alle 29,5 Tage.
Der Mond leuchtet nicht selbst. Alles, was du je von ihm gesehen hast, ist zurückgeworfenes Sonnenlicht, und eine Hälfte der Kugel ist immer beleuchtet. Die Phasen sind nichts weiter als die Frage, wie viel von dieser hellen Hälfte gerade in unsere Richtung zeigt, während der Mond seine Runde um die Erde zieht.
Beim Vollmond blicken wir fast frontal auf die beleuchtete Hälfte. Fast, denn ganz genau steht die Reihe nie, und das hat Folgen. Die Bahn des Mondes ist gegenüber der Bahn der Erde um die Sonne um rund fünf Grad geneigt. In den meisten Monaten zieht der Mond deshalb oberhalb oder unterhalb des Erdschattens vorbei. Läuft er doch einmal hinein, gibt es eine Mondfinsternis. Genau deshalb kann eine Mondfinsternis nur bei Vollmond auftreten und tritt trotzdem nicht jeden Monat auf.
Nachprüfen lässt sich das mit bloßem Auge. Der volle Mond geht auf, wenn die Sonne untergeht, steht um Mitternacht am höchsten und sinkt gegen Morgen. Er ist die einzige Phase, die eine ganze Nacht lang am Himmel bleibt. Ein Mond, der am späten Nachmittag schon hoch oben hängt, ist keiner, was immer der Kalender behauptet.
Der Zeitpunkt der vollen Stellung ist auf die Minute berechnet, und er fällt oft in Stunden, in denen der Mond bei dir unter dem Horizont steht oder der Himmel längst hell ist. Zu sehen bekommst du die Nächte davor und danach. Zwischen einer zu 98 Prozent und einer zu 100 Prozent beleuchteten Scheibe kann kein Auge unterscheiden, deshalb wirkt der Mond an drei Abenden hintereinander voll, und hinterher ist man sich uneinig, welcher davon der richtige war.
Dieselbe Genauigkeit erklärt die abweichenden Datumsangaben. Astronomische Tabellen rechnen meist in Weltzeit. In Deutschland, Österreich und der Schweiz kommt darauf eine Stunde dazu, im Sommer zwei. Ein Vollmond um 23:30 Weltzeit fällt bei uns also bereits auf den nächsten Tag, während in New York noch derselbe Abend läuft. Falsch ist keine der beiden Angaben. Es ist derselbe Augenblick, aufgeschrieben auf verschiedenen Uhren. Deshalb nützt dir ein Mondkalender nur dann etwas, wenn er auf deine Zeitzone eingestellt ist.
Weil der Mond der Sonne gegenüberstehen muss, um voll zu sein, landet er dabei zwangsläufig in dem Zeichen, das dem Sonnenzeichen im Tierkreis genau gegenüberliegt. Läuft die Sonne durch den Stier, fällt der Vollmond dieses Monats in den Skorpion. Steht sie im Schützen, liegt der Vollmond in den Zwillingen. Ausnahmen gibt es keine, denn die Regel folgt aus der Stellung der Himmelskörper und nicht aus einer Vereinbarung.
Das verwirrt beim ersten Mal fast jeden, denn der Vollmond trägt nie den Namen der Jahreszeit, in der man gerade lebt. Für die Deutung ergibt sich daraus ein immer gleicher Aufbau: Zwei einander gegenüberliegende Zeichen sind gleichzeitig besetzt, eines von der Sonne und eines vom Mond.
Der Neumond gilt als Anfangspunkt, der Vollmond seit sehr langer Zeit als Höhepunkt: die Stelle, an der sichtbar wird, was in Gang gesetzt wurde, oder an der sich zeigt, was es taugt. Diese Lesart hält sich ziemlich eng an das Bild über uns. Alles ist beleuchtet, nichts bleibt im Dunkeln, und die beiden hellsten Objekte ziehen von entgegengesetzten Enden.
In der Praxis dient das Datum als Merkposten für vier Dinge:
Das sind Bedeutungen, die einem verlässlichen Naturrhythmus übergestülpt wurden, keine nachgewiesenen Wirkungen. Ihr Nutzen liegt in der Erinnerung. Ein Termin, der jeden Monat wiederkommt und fragt, was aus einer Sache geworden ist, ist etwas wert, ganz gleich ob der Mond an der Antwort beteiligt ist.
Die Mondbahn ist ein Oval und kein Kreis, der Abstand zur Erde ändert sich also im Lauf eines Monats. Ein Vollmond am erdnahen Ende dieses Ovals erscheint etwa 14 Prozent breiter und rund 30 Prozent heller als einer am erdfernen Ende, und das nennt man einen Supermond. Der Haken daran: Erkennen kann man den Unterschied nur, wenn ein Foto der anderen Sorte danebenliegt. Allein am Himmel sieht jeder Vollmond aus wie ein Vollmond.
Ein Blauer Mond ist eine Merkwürdigkeit der Benennung ganz ohne Farbe: gemeint ist der zweite Vollmond innerhalb eines Kalendermonats. Weil 29,5 Tage in den meisten Monaten noch mehrere Tage Luft lassen, kommt das alle zwei bis drei Jahre vor. Der Erntemond ist der Vollmond, der dem Herbstbeginn im September am nächsten liegt. Diesen Namen hat er sich verdient, denn um dieses Datum herum geht er an mehreren Abenden schon kurz nach Sonnenuntergang auf und verschaffte den Bauern zusätzliches Licht zum Einbringen der Ernte.
Die Behauptungen, die am häufigsten wiederholt werden, mehr Geburten, mehr Unfälle, mehr schlaflose Nächte, sind vielfach untersucht worden. Die Ergebnisse fallen schwach und widersprüchlich aus. Für eine Wirkung des Mondes auf menschliches Verhalten gibt es keinen gesicherten Befund, und wer etwas anderes erzählt, ist weiter als die Untersuchungen.
Zwei nüchterne Dinge bleiben stehen. Der volle Mond macht die Nacht wirklich hell, und für den größten Teil der Menschheitsgeschichte hing genau davon ab, ob man nach Einbruch der Dunkelheit noch unterwegs sein konnte. Das allein reicht als Grund, warum dieses Datum lange vor dem ersten Horoskop Gewicht hatte. Den Rest erledigt die Erwartung: Wer weiß, dass heute Vollmond ist, verbucht eine unruhige Nacht unter Vollmond, während dieselbe unruhige Nacht zwei Wochen früher einfach eine schlechte Nacht war.


