Was eine Karte bedeuten soll, die verkehrt herum auf dem Tisch liegt, warum sie kein Unglück ankündigt und warum viele Kartenleger sie einfach wieder aufrecht drehen.
Nein. Eine umgekehrte Karte ist eine Karte, die aus Sicht der lesenden Person auf dem Kopf steht, und in den meisten Lesarten verschiebt das die Betonung, statt aus der Karte ein Unglück zu machen. Die freundlichsten Sätze einer Legung, also einer Runde ausgelegter Karten, stammen oft von Blättern, die verkehrt herum liegen, und die härtesten oft von Blättern, die ganz normal aufrecht daliegen.
Am besten fängt man bei der Mechanik an, denn die nimmt der Frage einen guten Teil ihrer Schwere. Eine Karte kann nur auf dem Kopf ankommen, wenn vorher ein Teil des Stapels körperlich herumgedreht wurde. Wer sein Deck so mischt, wie man es vom Kartenspiel am Küchentisch kennt, also durch Überhandmischen oder durch Ineinanderfächern zweier Hälften, behält die Ausrichtung aller 78 Blätter bis in alle Ewigkeit bei.
Gedrehte Karten treten auf, weil jemand den Stapel geteilt und eine Hälfte gewendet hat, weil die Karten verdeckt auf dem Tisch verrührt wurden oder weil sie heruntergefallen sind. Eine Drehung ist damit eine Folge deiner Handhabung und keine Nachricht, die auf dich gezielt hätte. Wer die Blätter wie Dominosteine über die Tischplatte schiebt, darf damit rechnen, dass etwa die Hälfte gewendet erscheint. Das ist gut zu wissen, wenn ausgerechnet ein schwieriges Bild auf dem Kopf landet und schon die Lage selbst bedrohlich wirkt.
Eine verbindliche Regel gibt es nicht. Nebeneinander bestehen mehrere Konventionen, und ehrlicher ist es, sie auch so zu nennen:
Nur zwei dieser Punkte klingen überhaupt ungünstig, und keiner spricht von Katastrophe. Viel wichtiger als die Wahl der Konvention ist, dass du bei einer bleibst. Wo die Regel von Blatt zu Blatt wechselt, lässt sich am Ende alles begründen und deshalb nichts.
Das stärkste Argument gegen die Gleichung umgekehrt gleich schlimm liefern die Karten selbst. Der Turm zeigt ein Gebäude, das plötzlich einstürzt, und gewendet gilt er weithin als Einsturz, der abgewendet, überstanden oder aufgeschoben wurde. Die Zehn der Schwerter, eine Zahlenkarte aus der Farbe Schwerter, ist in fast jedem Deck das trostloseste Bild, und auf dem Kopf heißt sie üblicherweise, das Schlimmste liege bereits hinter dir. Der Teufel beschreibt die Bindung an eine Gewohnheit oder an eine Lage, und gedreht lesen ihn viele als Kette, die sich gerade lockert.
Das geht genauso andersherum. Die Zehn der Kelche steht aufrecht für ein zufriedenes Zuhause und kann gewendet auf eine Familie deuten, die von außen besser aussieht, als sie sich von innen anfühlt. Die Sonne auf dem Kopf wird häufig als Klarheit gelesen, die sich verspätet, nicht als Klarheit, die ausbleibt. Aufrecht und gewendet sind keine zwei moralischen Schubladen, sondern zwei Enden eines Gedankens, und welches Ende angenehm ist, entscheidet allein das jeweilige Blatt.
Ausschließlich aufrecht zu lesen, ist eine anerkannte Praxis und war es immer. Die Begründung dafür: Ein Deck aus 78 Blättern trägt ohnehin genug Bedeutung, und was eine Drehung ergänzen würde, liefern die Nachbarkarten und der Platz, auf dem eine Karte gelandet ist.
Der zweite Punkt verdient eine Erklärung. In den meisten Legungen bekommt jeder Platz seine Aufgabe zugeteilt, bevor die Blätter fallen: was hilft, was im Weg steht, was übersehen wurde. Landet eine Karte auf dem Platz für das Hindernis, tut sie dort bereits die Arbeit, die eine gebremste Lesart übernehmen würde. Beides zusammen verdoppelt eher, als dass es schärfer wird. Keine der beiden Arbeitsweisen ist echter als die andere, und Verlässlichkeit bringt mehr als die Entscheidung zwischen ihnen.
Wirklich schädlich ist nur eines: die Regel mitten in der Deutung zu ändern. Wer erst nach einem unangenehmen Bild beschließt, dass Drehungen doch zählen, oder ein Blatt still herumdreht, weil die aufrechte Bedeutung besser zur Lage passt, nimmt der ganzen Übung ihren Wert. Kläre die Frage, bevor du das Deck überhaupt anfasst.
Für den Anfang bewährt sich diese Reihenfolge:
Tarot ist eine Tradition des geordneten Nachdenkens. Die Bilder sind alt, die Bedeutungen, die Menschen hineinlesen, sind seit Langem aufgeschrieben, und eine Legung holt eine Frage aus dem Kopf heraus auf den Tisch, wo man sie ansehen kann. Ein Verfahren, das auf die Welt einwirkt, ist sie nicht, und geprüft ist an ihr nichts.
Ein gewendetes Blatt hat nichts verursacht und legt dich auf nichts fest. Es ist ein Denkanstoß, und geändert wird eine Lage durch das, wofür du dich danach entscheidest. Wenn dir jemand erzählt, eine bestimmte umgekehrte Karte bedeute ein festes Unglück, und für die Abwehr dieses Unglücks wird gleich ein Preis genannt, dann handelt es sich um einen Verkaufstrick und nicht um Kartenlegen. Für abgewendetes Pech stellt niemand eine Rechnung, der die Sache ernst nimmt.


